Wenn der Kinderwunsch nicht mehr aus dem Kopf geht:
Emotionen und Shen aus Sicht der TCM

Mit jedem neuen Zyklus beginnt die Hoffnung von vorn. Dann kommen wieder Tage des Wartens, vielleicht Untersuchungen, Termine oder eine Behandlung. Und wenn es erneut nicht geklappt hat, beginnt das Ganze noch einmal.

Viele Frauen erleben diese Zeit irgendwann nicht mehr nur als körperliche, sondern auch als emotionale Belastung. Der Schlaf wird unruhiger, Gedanken kreisen, die Geduld wird weniger. Manche reagieren gereizter als früher, andere ziehen sich zurück oder spüren, wie viel Kraft der Kinderwunsch inzwischen kostet.

In der Traditionellen Chinesischen Medizin gehört diese seelische Ebene selbstverständlich mit zur Behandlung. Dabei spielt der Shen eine wichtige Rolle.


Was bedeutet Shen in der TCM?

Shen lässt sich nur unvollständig mit einem deutschen Wort übersetzen. Gemeint sind unter anderem der Geist, das Bewusstsein und unsere psychische und emotionale Verfassung.

In der chinesischen Medizin ist der Shen dem Herzen zugeordnet. Ist er ruhig und gut verwurzelt, fühlen wir uns klarer, ausgeglichener und innerlich stabiler. Sorgen, Angst, anhaltende Anspannung, Enttäuschungen oder Erschöpfung können ihn jedoch aus dem Gleichgewicht bringen.

Dabei schauen wir nicht nur auf das Herz. Auch Leber, Milz und Nieren spielen eine wichtige Rolle.

Gerade im Kinderwunsch können sich körperliche und emotionale Beschwerden sehr unterschiedlich zeigen. Eine Frau schläft plötzlich schlecht und kommt abends gedanklich nicht mehr zur Ruhe. Eine andere wird schnell gereizt und spürt vor der Menstruation eine starke innere Anspannung. Wieder eine andere grübelt viel, zweifelt an sich oder fühlt sich zunehmend erschöpft.

Für die TCM sind das keine nebensächlichen Begleiterscheinungen. Sie gehören zum Gesamtbild.


Welche Muster können hinter der emotionalen Belastung stehen?

Bei Nervosität, Schlafstörungen oder Herzklopfen können beispielsweise ein Herz-Yin-Mangel oder Herz-Feuer im Vordergrund stehen.

Frustration, Reizbarkeit oder ausgeprägtes PMS werden häufig einer Leber-Qi-Stagnation zugeordnet. Das Qi kann nicht frei fließen, wodurch ein Gefühl von Druck, Spannung oder innerem Feststecken entstehen kann.

Wer viel grübelt, zweifelt oder sich gedanklich nur schwer lösen kann, zeigt aus Sicht der TCM möglicherweise Zeichen einer Milz-Qi-Schwäche.

Angst, Rückzug oder Hoffnungslosigkeit können wiederum mit einer Schwäche der Nieren-Essenz verbunden sein.

Diese Muster können sich auch auf den Zyklus auswirken, beispielsweise durch unregelmäßige Blutungen, verlängerte Zyklen oder einen fehlenden Eisprung.

Wichtig ist mir dabei immer: Eine einzelne Beschwerde ergibt noch keine chinesische Diagnose.

Zwei Frauen können beide schlecht schlafen und innerlich unruhig sein – und trotzdem ein ganz unterschiedliches TCM-Muster zeigen.

Deshalb schauen wir genauer hin.

Wie ist der Zyklus? Wie verläuft die Blutung? Wie ist der Schlaf? Gibt es Verdauungsbeschwerden, Erschöpfung, Hitze- oder Kältegefühle? Wie hat sich das Befinden im Verlauf der Kinderwunschzeit verändert?

Auch Puls- und Zungendiagnostik gehören dazu.

Erst aus diesen verschiedenen Zeichen ergibt sich ein Bild, auf dessen Grundlage wir behandeln.


Wie kann die TCM den Shen unterstützen?

Bei emotionaler Belastung im Kinderwunsch können je nach Diagnose verschiedene Bereiche der chinesischen Medizin miteinander verbunden werden.

In der Akupunktur wählen wir beispielsweise Punkte, die den Shen beruhigen, das Herz unterstützen oder den freien Fluss des Qi fördern sollen.

Dazu können unter anderem HT7 Shenmen, P6 Neiguan, Yintang, DU20 oder LR3 gehören.

Welche Punkte sinnvoll sind, hängt davon ab, was bei der jeweiligen Frau im Vordergrund steht. Eine ausgeprägte Leber-Qi-Stagnation wird anders behandelt als starke Erschöpfung oder eine Schwäche der Nieren.

Auch chinesische Arzneikräuter können Teil der Behandlung sein. Traditionell werden zur Beruhigung des Shen beispielsweise Suanzaoren (Ziziphus), Yuanzhi (Polygala), Hehuan Pi (Albizia) oder Wuweizi (Schisandra) eingesetzt.

Die Auswahl erfolgt jedoch nicht nach einem einzelnen Symptom, sondern entsprechend dem gesamten TCM-Befund.

Ähnlich verhält es sich mit der Ernährung nach TCM.

Warme, regelmäßige Mahlzeiten können insbesondere dann sinnvoll sein, wenn die Mitte geschwächt ist. Hafer, Hirse, Süßkartoffeln, Datteln oder gekochter Apfel kommen dabei häufig infrage. Sehr kalte Speisen, viel Zucker, Kaffee oder Alkohol können bei bestimmten Mustern dagegen zusätzlich belasten.

Auch hier gibt es keine Ernährung, die für jede Frau im Kinderwunsch gleichermaßen passt.


Der Kinderwunsch lässt sich nicht einfach „wegentspannen“

Frauen hören in dieser Zeit erstaunlich oft, sie müssten sich einfach weniger stressen oder mehr loslassen.

So einfach ist es nicht.

Wer schon lange auf eine Schwangerschaft wartet, vielleicht Untersuchungen oder eine IVF beziehungsweise ICSI hinter sich hat, kann den Kinderwunsch nicht einfach für einige Stunden abschalten.

Und genau darum geht es auch nicht.

Hilfreicher kann sein, immer wieder kleine Zeiten zu schaffen, in denen der Kinderwunsch nicht alles bestimmt. Für die eine Frau ist das Bewegung, für die andere Musik, Schreiben, Qi Gong, Atemübungen oder ein Spaziergang.

Es sollte allerdings nicht die nächste Aufgabe sein, die unbedingt „richtig“ gemacht werden muss.

Manchmal bedeutet Entlastung einfach, wieder etwas zu tun, das nichts mit Zyklus, Fruchtbarkeit oder Behandlung zu tun hat.


Körper und Shen gehören zusammen

In unserer Arbeit mit Frauen mit Kinderwunsch erleben wir häufig, dass zunächst der Zyklus, Laborwerte oder medizinische Befunde im Mittelpunkt stehen. Im Gespräch wird dann deutlich, wie sehr die vergangenen Monate oder manchmal auch Jahre gleichzeitig emotional Kraft gekostet haben.

Für die TCM lässt sich beides nicht sauber voneinander trennen.

Deshalb fragen wir nicht nur nach Menstruation, Eisprung und körperlichen Beschwerden. Auch Schlaf, Ängste, Grübeln, innere Unruhe, Erschöpfung oder eine zunehmende Reizbarkeit können für die chinesische Diagnose wichtige Hinweise geben.

Körper und Shen gehören zusammen.

Wie wir behandeln, ergibt sich daraus, was die jeweilige Frau im Moment braucht. Akupunktur, chinesische Arzneimittel, Ernährung und Veränderungen im Alltag können dabei unterschiedliche Aufgaben übernehmen.


TCM bei Kinderwunsch und emotionaler Belastung in Augsburg

Bei ChiMed Augsburg begleiten wir Frauen in unterschiedlichen Phasen ihres Kinderwunsches – sowohl während einer natürlichen Kinderwunschzeit als auch ergänzend zu medizinischer Diagnostik und reproduktionsmedizinischer Behandlung.

Wenn Schlafprobleme, Grübeln, starke innere Anspannung oder Erschöpfung inzwischen ebenso zum Kinderwunsch gehören wie Zyklus und medizinische Termine, beziehen wir auch diese Veränderungen in die TCM-Diagnostik ein.

Im ausführlichen Gespräch, gemeinsam mit Puls- und Zungendiagnostik, entsteht daraus das individuelle Bild für die weitere Behandlung.

Wenn Sie zunächst klären möchten, ob eine TCM-Begleitung für Ihre aktuelle Situation sinnvoll sein könnte, können Sie dafür auch unser TCM-Orientierungsgespräch nutzen.


Häufige Fragen zu Shen und Kinderwunsch

Was ist Shen in der Traditionellen Chinesischen Medizin?

Shen beschreibt in der TCM unter anderem den Geist sowie die psychische und emotionale Verfassung. Er ist dem Herzen zugeordnet. Unruhe, Schlafprobleme, Ängste oder anhaltendes Grübeln können aus Sicht der chinesischen Medizin Hinweise darauf sein, dass der Shen nicht ausreichend zur Ruhe kommt.

Welche Rolle spielen Emotionen bei Kinderwunsch aus Sicht der TCM?

Die TCM betrachtet psychische und körperliche Veränderungen gemeinsam. Emotionale Belastungen werden deshalb zusammen mit Zyklus, Schlaf, Verdauung, Energie, Temperaturempfinden und weiteren Beschwerden beurteilt. Daraus ergibt sich das individuelle TCM-Muster.

Wie wird ein unruhiger Shen behandelt?

Das hängt von der jeweiligen Diagnose ab. Je nach Muster können Akupunktur, chinesische Arzneimittel, Ernährung und Veränderungen im Alltag miteinander kombiniert werden. Welche Punkte, Kräuter oder Empfehlungen eingesetzt werden, richtet sich nach dem gesamten Beschwerdebild.